Roulette

Es schien einfach eine Superidee. Beinahe genial. Warum nicht schon andere darauf gekommen waren? Als mein alter Schulfreund Walter damit ankam, war es überhaupt keine Frage, es zu tun oder zu lassen. Simpler ging es wirklich nicht.
Die Rede ist vom todsicheren System beim Roulette. Wir waren Studenten im 2. Semester. Das Geld war knapp, aber für diese unschlagbare Idee konnte man sogar Kredite aufnehmen. Mit den ersten Gewinnen waren sie ohne Probleme zurückzuzahlen. Da ich in Berlin studierte und er in Braunschweig, suchten wir in den Semesterferien einen Ort in der Nähe unserer alten Heimat Ostwestfalen aus. Die Spielbank in Bad Oeynhausen existierte damals noch nicht. Deshalb wollten wir nach Bad Pyrmont, das war keine 50 Kilometer entfernt.
Ich kramte ein altes Sakko von meinem Großvater aus, die Krawatte lieh ich mir von Walter. Der hatte einen älteren Bruder. So tauchten wir im Casino auf. In der ungewohnten Kleidung fühlte ich mich leicht unwohl, aber für so einen Batzen Kohle mussten Opfer gebracht werden. Beim Check-in wurden wir ausgiebig gemustert. Unser Aufzug entsprach der vorgeschriebenen Kleiderordnung. Mehr konnten sie nicht verlangen. Wir standen auf keiner schwarzen Liste, als Job gab ich Einzelhandelskaufmann an. Das wollten sie wissen, damit nicht Arbeitslose ihre Stütze oder gar Studenten ihr spärliches Bafög verzockten. Jetzt waren wir also drin.
Das „Spielgeld“ hatte Walter besorgt. Ich bekam zu der Zeit 600 Mark im Monat. Das klingt nach verdammt wenig. Das war es auch, aber die Miete im Studentenwohnheim kostete 68 Mark, der Liter Sprit 79,9 Pfennig, das Pfund Kommissbrot bei Aldi gab es für 59 Pfennig. Walter hatte für jeden drei Mille besorgt, Von seinem Sparbuch. „Das muss reichen“, hatte er mir vorher erklärt. Da jeder von uns runde 150 Mark zusätzlich dabei hatte, verfügten wir über ein Gesamtkapital von 6300 Mark. Nach seiner unfehlbaren Methode würde das für sechs Runden ausreichen. Die müssten wir aber niemals durchspielen, das viele Geld sei als reines Polster gedacht.
Sein System ging so: Wir sollten abwarten, bis fünf Mal hintereinander „rot“ oder „schwarz“ gekommen war. Dann mussten wir auf die jeweils andere Farbe setzen. Das heißt nach fünf Mal „schwarz“ auf „rot“ bzw. umgekehrt. Beim sechsten Mal also 100 Mark. Falls die andere Farbe nicht beim nächsten Dreh kommt, weiter verdoppeln. So sei ein Gewinn von 100 Mark irgendwann garantiert. „Es kann gar nicht sein, dass elf Mal in Serie die gleiche Farbe kommt. Wir können nicht verlieren“, erläuterte Walter seinen Plan.
Wir hatten uns getrennt, jeder auf einer Seite des Roulettetisches. In meiner Tasche steckten Chips für 3000 Mark: Fünfzehn Hunderter und drei Fünfhunderter. Walter hatte die andere Hälfte des Geldes dabei. So harrten wir erwartungsfroh darauf, dass die Kugel fünf Mal hintereinander auf die gleiche Farbe fiel. Aber das passierte nicht. Mehr als drei Mal wollte das blöde Elfenbeinding nicht bei „schwarz“ bleiben. Die „rote“ Serie hielt auch nicht länger.
Nach fast einer Stunde gab ich Walter durch Nicken ein Zeichen. Wir trafen uns hinter dem Chefcroupier am Kessel. „Das dauert ja ewig“, sagte ich, „lass uns doch schon nach drei Mal einsteigen.“ „Nein“, flüsterte Walter, „daran kannst du nur sehen, wie sicher das System ist. Wenn erst fünf Mal die gleiche Farbe gekommen ist, haben wir den Hunni sicher gewonnen.“
Ich verzog mich erst mal an die Bar und orderte ein Bier. Der Fünf-Mark-Chip war dafür genau passend. Gerade wollte ich einen lockeren Anmachversuch mit der Dunkelhaarigen auf dem Nachbarhocker starten, als ich im Augenwinkel Walter wild gestikulierend am Tisch sah. Ich ließ das Bier stehen und die Frau sitzen. Walter hatte gerade einen Hunderter auf „schwarz“ gesetzt. Das surrende Geräusch der Roulettekugel verwandelte sich in ein abgehackt klapperndes, dann war es für einen Moment ganz leise. „17“, sagte der Croupier. „Schwarz“, sagte Walter. Wir hatten gewonnen. Jetzt konnte der Abend beginnen. Walter nahm seinen Einsatz plus den gewonnenen Chip vom Tisch.
„Jetzt brauche ich erst mal was zu trinken“, meinte Walter. „Klar“, antwortete ich, „geh nur, ich bleibe hier und bei der nächsten Fünferserie mache ich den Einsatz.“ Es dauerte eine knappe halbe Stunde, dann war meine Zeit gekommen. Ich setzte auf „rot“, leider kam noch ein sechstes Mal „schwarz“. Walter kam gerade wieder zurück. „Macht nichts“, raunte er mir leise zu, „dann setzt du eben nun zweihundert Mark und die Sache ist geritzt.“ „32“, hörte ich eine Stimme sagen. „Siehst du“, erklärte Walter, „nu sind wir schon um zweihundert Eier reicher.“ „Sollen wir nicht gehen?“, fragte ich ihn. „Bist du bescheuert? Mit `nem Hunderter für jeden haben wir gerade erst das Spritgeld raus. Wir brauchen mindestens noch zwei Treffer“, so seine barsche Erklärung.
Der nächste Hit ließ nicht lange auf sich warten. Jetzt hatten wir dreihundert Mark gewonnen. „Lass uns abhauen“, schlug ich vor. Aber Walter wollte mehr. „Einmal noch“, fuhr er mich an, „dann sind wir weg.“ Geduld war gefragt. Bunt durcheinander fielen rote und schwarze Zahlen, nie mehr als zwei Mal in Folge die gleiche Farbe. „Es hat heute keinen Zweck mehr“, redete ich auf ihn ein, „wir können ein anderes Mal wiederkommen.“
Aber plötzlich war es so weit. Zum fünften Mal kam eine rote Zahl. Walter fingerte einen Hunderterchip aus seiner Tasche und legte ihn auf die schwarze Raute. „5, rot“, zeigte die längliche Anzeigetafel. Walter fischte die nächsten Chips raus und platzierte zwei von ihnen auf „schwarz“. „30, rot“, sagte der Mann am Roulette. „Ruhig bleiben“, brummte Walter mit stoischer Stimme. Er drängelte sich an den vor ihm Stehenden vorbei und setzte 400 Mark auf „schwarz“. Wieder nix, wieder rot. „So ist eben das System, wir müssen nur durchhalten. Dann geht es eben jetzt um 800“ Dabei wackelte er mit seinem Kopf hin und her und zog die Augenbrauen ein wenig hoch.
Ich fing langsam an zu schwitzen, wurde unruhig und zappelte nervös hin und her. 800 Mark, das war mehr als mein Monatsbudget. „14, rot“. „Das war noch nicht das Richtige. Schwarz ist einfach dran“, versuchte Walter mich zu beruhigen. Bisher waren unsere Einsätze für die anderen Gäste nicht von besonderem Interesse gewesen. Aber bei diesen Summen änderte sich das allmählich. Walter griff in sein Jackett, die 500er waren fällig. 1600 Mark auf „schwarz“. Die Kugel surrte wieder. Die Aufmerksamkeit der anderen Gäste war uns sicher. Ich hatte mich vom Tisch abgewandt und starrte an die gegenüberliegende Wand. Die Kugel klapperte, und . . . „11, rot“, hörte ich eine monotone Stimme sagen. „Scheiße“, dachte ich, das kann doch nicht wahr sein. In diesem Moment fasste mir Walter von hinten an die Schulter. „Hey, gib mir schnell die Kohle, sonst verpassen wir noch das nächste Spiel.“ Ich gab ihm alle Chips, die ich noch in der Tasche hatte, insgesamt 3100 Mark.
„Keine Angst. Zehn Mal hintereinander ‚rot´ ist mehr als genug. Jetzt muss ‚schwarz´ kommen. Das wird eine sichere Bank“, machte Walter auf Zuversicht. Er ging zum Tisch und legte tatsächlich 3200 Mark auf „schwarz“. Wenn wir jetzt nicht gewinnen würden, wäre unser ganzes Geld futsch. Ich ging zum Roulettekessel. Das musste ich aus nächster Nähe sehen. Die weiße Kugel zog ihre Bahn oben im Kessel, fünf- sechs Mal. Dann fiel sie etwas ab und polterte, als ob sie sich verschluckt hätte. Mein Herz raste. Schließlich blieb sie in einem Fach unter einer Zahl liegen. Das Roulette drehte sich noch, der Croupier hatte das Resultat noch nicht bekannt gegeben. Aber ich sah schon, wo sie lag. Unter der „0“. Unter der grünen „0“. Das Gefühl, das mich in diesem Augenblick durchfuhr, habe ich seitdem nie wieder verspürt. Und ich bin froh darüber, dass es so ist. Eine solche Enttäuschung kann einen wirklich umhauen.
„0, grün“, prangte es in dicken leuchtenden Lettern auf der Tafel. Ich konnte nicht länger hinschauen. Walter kniff seine Augen zusammen, ich atmete einmal tief durch. Aus. Vorbei. Rien ne vas plus. Das war für uns leider allzu wahr, es ging nichts mehr. 6000 Mark verzockt, Geld, mit dem ich zehn Monate mein Auskommen gehabt hätte. Auch wenn ich Walter nur die Hälfte zahlen musste.
Für manchen Leser eine lächerliche Summe. Die verlieren oder gewinnen ein paar Hunderttausend am Abend. Aber für mich war es fast ein Jahreseinkommen. Die 3000 Mark habe ich Walter in 15 Raten á 200 Mark abgestottert. Das hat mehr als zwei Jahre gedauert. In den Semesterferien hatte ich einen Job bei der Post, da konnte ich ein bisschen was abzweigen.

© Harry Haller