Hexe

Mehr als 28 lange Jahre existierte in Berlin die Mauer. Wall-City, Frontstadt, Westberlin als Speerspitze im Herzen des Sozialismus waren die meist freundlichen Umschreibungen für die Millionenmetropole. Und mit der Zeit ließ sich das Leben im Westteil ganz gut an. Künstler fühlten sich von der Stadt angezogen, ebenso Studenten, Schwule, Freaks. Viele Leute, denen ihre kleinstädtische Idylle zu eng geworden war.
Die Grenze mitten durch Berlin, von der DDR als „antiimperialistischer Schutzwall“ gefeiert und von den Amerikanern als „eiserner Vorhang“ geschmäht, bestand trotzdem. Von den meisten wurde sie mit der Zeit als unausweichliches Übel akzeptiert. In den 60ern war kalter Krieg, nach den Ostverträgen in den 70ern Koexistenz angesagt. Immer gab es Wachtürme, patrouillierende Grenzer und einen menschenverachtenden Todesstreifen.
Auch Mitte der 80er Jahre war das nicht anders. Ich arbeitete bei einer kleinen Lokalzeitung, als sich eine Frau mit aufgeregter Stimme bei mir meldete. Ihr Zwergpudel „Hexe“ war seit fünf Tagen verschwunden. An jenem Tag hatte sie einen Anruf aus dem Tierheim Lankwitz erhalten. Ihr Hund war wieder aufgetaucht, er hatte sich verlaufen.
Was zunächst wie eine banale, alltägliche Geschichte klang, nahm eine besondere Wendung. Ihr schwarzer Vierbeiner, vor einem Supermarkt in der Emser Straße angeleint, war aus unerfindlichen Gründen in den Todesstreifen zwischen West und Ost gelangt. Dort hatten ihn DDR-Grenzer geschnappt. Wie sie ihn als Westtöle identifizieren konnten, blieb nicht nur für mich ein Rätsel. Wahrscheinlich war der Zugang zum Niemandsland von der Ostseite aus noch besser abgeschottet als durch die hohe Betonmauer im Westen.
Die Besitzerin, die ich am nächsten Tag aufsuchte, war von ihrem bisherigen Schicksal nicht gerade begünstigt worden. Mit 24 und drei Kindern auf Sozialhilfe ist sicher kein erstrebenswerter Zustand. Peggy Schulze, so lautete ihr Name, war das klassische Beispiel für ein Leben auf der Schattenseite. Schlechtes Elternhaus, miese Schulbildung, keine Lehrstelle. Mit 16 in der Disko einen Typen kennengelernt, nach zwei Monaten schwanger, der Mann setzt sich ab, der Anfang vom Ende...
Wie so oft, trotz der schlimmen Lebensumstände versuchte sie durch ihr Wesen einiges auszugleichen. Die ganzen Schlaumeier würden dieses Verhalten als naiv und treudoof bezeichnen. „Nur weil ich nicht genügend Geld habe, kann ich Hexe doch nicht im Tierheim lassen“, meinte sie beinahe trotzig, auf ihrem abgewetzten Sofa sitzend. Die Kinder saßen im Schutz ihrer Arme rechts und links neben ihr. Auf ihre Art war sie sympathisch.
Peggy durfte das Tier aus Lankwitz nur unter der Bedingung mitnehmen, dass sie die Kosten für Spritzen, Unterbringung usw. übernahm, immerhin 342,80 Mark. „Det arme Tier is’ schließlich lange jenuch dort jewesen. Und wat die Kleene vorher noch allet erlebt hat“, sagte sie mit trauriger Stimme.
Dann kam sie ins Erzählen. Sie berichtete, dass der Hund letzte Nacht, wahrscheinlich wegen der traumatischen Erlebnisse an der Grenze und im Tierheim, den Teppich im Korridor dermaßen mit seinem Kot bedacht hatte, dass eine Reinigung – selbst nur die Beseitigung der Fäkalien – unmöglich erschien.
Das musste ich sehen. Jetzt wurde mir schlagartig bewusst, warum ich beim Betreten der Wohnung diesen unangenehmen Toilettengeruch wahrgenommen hatte. Wir gingen in den Flur und nach kurzer Begutachtung des hinteren Dielenbereichs gab es in der Tat offenbar nur eine einzige Lösung des Problems: Den Teppich zusammenrollen und samt Inhalt entsorgen.
Vom zweiten Stock bis in den Hinterhof war der Weg nicht zu weit. Allerdings, allein die Vorstellung, mit dem zusammengerollten und geschulterten Teppich im Treppenhaus den mühsamen Gang zum Hof anzutreten, erweckte wenig Freude in mir. Ein kurzes Straucheln und . . . Was dann passieren würde, dafür reichte meine Vorstellungskraft mehr als aus.
„Am besten, wir werfen das Ding aus dem Fenster“, machte Peggy einen praktischen Vorschlag. Der Gestank, der aus der Auslegware aufstieg, wurde immer penetranter. Das überzeugte auch mich. Ich schnappte mir die Rolle, und während die Kinder noch schrien: „Jaaaa, jaaaa, der Onkel schmeißt die Kacke aus dem Fenster“, öffnete Peggy dasselbe und mit einem kräftigen Schwung warf ich das Ding in Richtung Hof.
Mit einer Mischung aus Faszination und Angst schaute ich dem fliegenden Teppich hinterher, wie er eine leicht gebogene - eben typisch für jegliche Objekte ohne eigenen Antrieb auf dem Weg durch die Luft - kurvige Flugbahn nahm, bis er durch die Kraft der Erdanziehung unweigerlich steil nach unten raste.
Die Landung war extrem sportlich. Die Rolle klatschte nicht länglich auf den Boden, sondern sie setzte genau mit der kantigen Seite auf. Das hatte zur Folge, dass durch den harten Aufprall die ganze Hundescheiße mit einem Schlag rausgehauen wurde. Wie durch ein Rohr bündelten sich die vorher unzusammenhängenden Gewebe zu einer Kraft und eine Fontäne aus Kot spritze mindestens drei Meter hoch aus der Teppichwalze. Zum Glück war niemand im Hof, so konnte sich wenigstens keiner beklagen.
Peggy Schulze war für meine Hilfe bei diesem Problem sehr dankbar. Sie fiel mir um den Hals, drückte diesen mit ihren beiden Armen ganz fest und stammelte „Danke“. Und auch für die Bezahlung der Rechnung des Tierheims bahnte sich eine Lösung an. Weil Zeitungen diese Art von Publicity lieben, übernahm das Blatt im Gegenzug für eine exklusive Berichterstattung gern die Kosten für Hexes Ausflug.
So brauchte ich mich nur noch am nächsten Tag mit ihr und dem Fotografen im Tierheim treffen und von der glorreichen Tat in der Zeitung berichten. Das schien furchtbar einfach. Ein Termin für eine halbe Stunde und die Sache war im Kasten.
Da Peggy aber mit dem Hund und den drei kleinen Kindern nicht wusste, wie sie den weiten Weg nach Lankwitz bewältigen konnte, rief sie mich am nächsten Morgen an und fragte, ob ich sie nicht samt Anhang im Auto mitnehmen könne. Unbedarft und ohne zu ahnen, worauf ich mich einließ, willigte ich in den Vorschlag ein.
Ich saß vorne und die Frau sowie die Kinder nahmen im Fond Platz, der Hund suchte sich ein Fleckchen im hinteren Fußraum - dachte ich. Eigentlich hätte mir zu denken geben sollen, was Hexe tags zuvor mit dem Teppich im Flur angestellt hatte. Unverständlicherweise verwand ich daran keinen Gedanken. Wir fuhren los.
Hexe war immer noch ein ziemlich gestresster Hund, vor allem sein Darm war extrem nervös. Ich steuerte Richtung Tempelhof und konzentrierte mich auf den Verkehr, als ich plötzlich Peggy sagen hörte: „Hexe, nicht!“ Was ich zunächst als übervorsichtige Beschwichtigung einschätzte, entpuppte sich schnell als wenig erfreuliches Malheur. Der schwarze Hund kauerte zwischen den Kindern auf der Rückbank und beförderte einen Teil seines Darminhalts auf die Polster.
Der Versuch Peggys, das Geschehene mit einem Tempo-Taschentuch zu beseitigen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Gestank war genauso wenig zu kaschieren. Einerseits war ich sauer, auf der anderen Seite hatte ich sogar Verständnis für den zotteligen Kleinpudel. Die Bezüge der Sitze hatte ich niemals wirklich gemocht.
Peggy war das alles sehr peinlich. Sie schimpfte mit Hexe und der Hund zeigte sich einsichtig, schließlich hatte er sein dringendstes, drängendstes Bedürfnis ja befriedigt. Der kleine, haarige Kläffer versteckte sich hinter Peggys Beinen und Füßen und machte für den Rest der Fahrt keinen Mucks mehr.
Die Scheckübergabe mit Fototermin im Tierheim klappte reibungslos. Ein kurzes Gespräch mit dem zuständigen Tierarzt, ein paar nette Worte von der Heimleiterin, der Fotograf hatte seine Einstellungen – Hoch- und Querformat – im Kasten. Keine zwanzig Minuten, und wir waren wieder draußen auf dem Parkplatz am Auto. Der Mauerhund fühlte sich sichtlich wohl und ging noch ein bisschen Gassi, was ich wohlwollend registrierte.
Familie Schulze musste natürlich wieder nach Hause. Es stand außer Frage, dass ich sie wieder dorthin befördern würde, samt Hexe. Peggy hatte vor der Rückfahrt in Bezug auf Stubenreinheit und Auto fahren nochmals ein ernstes Wort mit ihrem Vierbeiner.
Ich weiß nicht, ob es Angst oder Boshaftigkeit der Töle war, wahrscheinlich hatte Hexe wirklich Schwierigkeiten mit der Verdauung. Wir waren noch keine 500 Meter gefahren, als ich Peggy – den genervten Tonfall habe ich heute noch in den Ohren – sagen hörte: „Hexe, nicht schon wieder.“
Der Gestank war übrigens nicht mehr zu beseitigen. Zwei Monate später habe ich das Auto, nachdem ich die ganze Zeit mit einem Toiletten-Duftstein und offenem Fenster gefahren war, an einen armen Teufel verkauft.
Zu meinem Glück war der an diesem Tag verschnupft.

© Harry Haller