Jolante

Als Student war die Kohle meist knapp. Trotz BAföG und Zuwendungen von Muttern musste ich wie die meisten Kommilitonen Geld dazuverdienen. In den Semesterferien war es kein Problem, einen Job für ein paar Wochen zu finden. Während des Semesters konnte das schon schwieriger sein. Zum Glück für uns Studenten gab es eine spezielle Arbeitsvermittlung der Uni. An der Freien Universität Berlin hieß sie sinnigerweise Heinzelmännchen.
Weil die meisten Jobs in aller Herrgottsfrühe begannen, musste man sich schon morgens zwischen sechs und halb sieben im Büro der Vermittlungsstelle einfinden. An einem schwarzen Brett hingen die Angebote vom Vortag, also die Arbeitsstellen, die bereits gestern niemand haben wollte. An diesem Aushang konnte man getrost vorbeischlurfen. Die interessanten Offerten lagen weiter vorn auf einem langen Tresen, hinter dem sich drei Schreibtische und ebenso viele Mitarbeiterinnen befanden.
Mit verschlafenen Augen und Brummschädel vom Alkohol, Nikotin oder ich weiß nicht was durchstöberte ich die kleinen, grünen Zettel. Auf ihnen war die Art der Beschäftigung, die Dauer und der Stundenlohn vermerkt. Zum Beispiel „Helfer auf dem Obst- und Gemüsegroßmarkt, drei Tage, 12 Mark“. Oder „Güterwaggons im Zentralpostamt entladen, eine Woche, 10 Mark“. „Auslieferungsfahrer für Morgenmäntel, ein Tag, 12.50 Mark“.
Hatte man einen passenden Job entdeckt, ging man zu den Mädels hinter den Schreibtischen, sie gaben einem die Adresse und man konnte sich aufmachen. Manchmal wurde man telefonisch avisiert, nach dem Motto: „Endlich haben wir einen passenden jungen Mann für Sie gefunden.“ Meist trollte man sich aber einfach so vom Hof.
Etwas habe ich noch nicht erwähnt. Der eben beschriebene Ablauf war nur so, wenn kein anderer den Job haben wollte. Waren zwei oder noch mehr Anwärter daran interessiert, was bei guten Jobs die Regel war, so entschied die allmorgendliche Verlosung der Nummern über die Reihenfolge und den Zuschlag. Alle, die sich bis halb sieben eingefunden hatten, durften mitmachen. Die Nummern 1 bis 5 waren okay, bei 6 bis 9 war zu überlegen dazubleiben oder abzuhauen, alles was darüber lag war zwecklos. An manchen Morgen standen 25 oder 30 Leute für die Verlosung bereit. Bei einer zweistelligen Zahl konnte man nach Hause trotten, warten völlig sinnlos.
Als ich am Anfang noch unerfahren war, habe ich einmal fast den ganzen Tag bis nachmittags um halb vier in der Vermittlungsstelle verbracht, stets in der Hoffnung, irgendeine Arbeit zu ergattern. Das war frustig, denn neben nächtlichem Aufstehen und stundenlangem Warten war es ein verplemperter Tag, ohne einen Pfennig in der Tasche. Die begehrtesten Jobs schnappten sich natürlich die Nummern 1, 2 oder 3.
Nur wer viel Abstriche in Kauf nahm, konnte auch noch mit einer höheren Zahl eine Stelle bekommen. Das waren dann Arbeiten wie „Helfer beim Kohlentransport“, „Waschassistent im städtischen Leichenschauhaus“, „Umzugshelfer bei einer Möbelspedition“. Eben harte Knochenjobs oder unappetitliche Beschäftigungen.
Zu dieser Kategorie zählte mit Sicherheit auch „Mitarbeiter im Schlachthof“. Die Arbeit wurde häufiger angeboten, bis zu jenem Tag konnte ich dieser Tätigkeit wenig abgewinnen und ihre Ausübung vermeiden. Aber dieses Mal hatte es mich erwischt. Ich zog Nummer 23. Ich war ziemlich mies drauf, ich hatte nur wenig geschlafen, ich brauchte aber dringend Geld. Bei meinem Freund „Motorenbetrüger“ (er verkaufte stets Schrottautos mit Gewinn, daher der passende Name) hatte ich mir in den vergangen Tagen schon ‘nen Hunni geliehen, trotzdem war in meiner Kasse immer noch Ebbe. Ich nahm den Zettel vom schwarzen Brett und ging zu der Frau hinter dem ersten Schreibtisch.
„Was genau liegt denn da an?“, fragte ich mit gespieltem Desinteresse. Außerdem gähnte ich, um besonders gelangweilt und cool zu wirken und meinen Widerwillen für diesen Job zu überspielen. „Die Arbeit ist gar nicht so schlimm wie sie klingt“, antwortete die Bürofrau betont sachlich, „Sie arbeiten in der Verpackungsabteilung. Da sehen Sie das Schlachten überhaupt nicht. Das ist wie am Kühlregal im Supermarkt.“ Obwohl ich ihren Ausführungen nicht so recht Glauben schenken konnte, ließ ich mir die Adresse geben und zog davon.
Das Gebäude lag außerhalb der Stadt in einem trüben Industriegebiet. Es war eine riesige, mehrstöckige Fabrikhalle ohne Fenster, von draußen unscheinbar und nicht als Schlachthof zu erkennen. Über eine Außentreppe an der Stirnseite des Betonklotzes gelangte ich ins Büro. Herr Wanzeck erwartete mich bereits. „Gut, dass Sie endlich da sind. Heute ist bei uns der Teufel los. Ein Mann aus der Verpackungsabteilung ist krank geworden. Also, kommen Sie.“ Nach der flüchtigen Begrüßung folgte ich ihm durch einen schmalen Gang. Was dem Kranken fehlte erfuhr ich erst später.
Wir befanden uns jetzt in einer Art Umkleideraum, an der einen Wand standen Schränke, auf der anderen Seite waren vier Handwaschbecken installiert. Ein Mann betrat den Raum. „Das ist Erin, er wird alles weitere erklären.“ Wanzeck drehte sich um und war verschwunden. „Hier, Du setzen auf“, sagte Erin mit einem türkischen Akzent und reichte mir einen gelben Schutzhelm, „das Gesetz. Du mitkommen.“ Außerdem gab er mir noch einen grau-weiß gestreiften Kittel und ein Paar Gummistiefel. Er ging voraus und wir kletterten eine Treppe hinunter. Die Arbeitsgeräusche wurden lauter. Dann betraten wir eine größere Halle.
Eine Menge Leute waren hier bei der Arbeit, Fließbänder transportierten Fleischstücke, die großen Brocken wurden an Maschinen in durchsichtiges Plastik eingeschweißt. Mein Platz war an einer Maschine die Kartons faltete. Erin zeigte mir, was ich zu tun hatte. Nachdem der Karton gefaltet war, hatte ich dafür zu sorgen, dass – wenn das Fleisch sich in der Pappe befand – sich zwei Verpackungsbänder aus Metall per Knopfdruck von links nach rechts und von vorne nach hinten um den Karton zurrten und das Ganze zu einem festen Paket zusammenschnürten. Erin erklärte mir, dass ich auf keinen Fall Arme, Finger oder sonstiges zwischen die Bänder bekommen dürfe, der Apparat verschnüre jedes Fleisch zu einem handlichen Karton. Erst vor zwei Tagen habe ein Mann an diesem Ort seinen Arm verloren.
Trotz dieser Warnung schien meine Tätigkeit, ohne scharfe Äxte und Beile oder spitze Schlachtermesser, eher ungefährlich. Was ich nicht sofort bedacht hatte: Nach stundenlanger, monotoner Arbeit ließ die Konzentration erheblich nach. Bei dem dumpfen Job war es unmöglich, die ganze Zeit über voll konzentriert zu sein. Und der Gestank in der Halle wurde auf Dauer unerträglich.
Die viertelstündige Frühstückspause um 9 verging wie im Flug. Ich hatte erst vor gut einer Stunde begonnen, die anderen waren schon seit 6 Uhr morgens dabei, mir reichte es schon jetzt. Immer wieder die gleichen Handgriffe, mehrmals in der Minute die stereotypen Handbewegungen. Warum hatten sie nicht einen Roboter, der diesen Job verrichtete? Na ja, es ist ein paar Jährchen her, wahrscheinlich haben sie inzwischen einen. Damals war die menschliche Arbeitskraft wohl billiger als neue Investitionen.
Bis zur nächsten Pause am Mittag hatte ich noch drei endlose Stunden vor mir und danach nochmals drei bis zum Feierabend. Draußen war es milder Frühling, hier drinnen waren es höchstens vier Grad Celsius. Aber die Maschinen liefen schnell und so wurde mir bei der Arbeit warm, nach kurzer Zeit spürte ich die Kälte nicht mehr. Den anderen Arbeiterinnen und Arbeitern lief sogar der Schweiß am Körper entlang. Neben mir an einer weiteren Verpackungsmaschine arbeitete ein Typ mit einer prolligen Vokuhilafrisur (alle Jungs mit diesem Haarschnitt – vorne kurz und hinten lang wie eine hängende Tapete – sehen gleich aus, haben alle einen prima Job und alle sind intellektuell voll auf der Höhe).
In der Halle war es ziemlich laut, ich versuchte mit ihm ins Gespräch zu kommen. „Ey, seit wann machst Du das denn hier?“, rief ich ihm zu. Er schaute nur kurz zu mir herüber, bei diesen Verpackungsdrähten musste man wirklich höllisch aufpassen. „Seit zwölf Jahren, ich bin Wolfi und wie heißt Du?“, grölte er zurück. Der Geräuschpegel lag irgendwo zwischen lauter Discomusik und einem startenden Jet. „Harry“, schrie ich zurück. „Wenn Du willst, kann ich Dich nach der Arbeit ein bisschen rumführen und Dir die anderen Abteilungen zeigen“, antwortete er. Prima Idee, dachte ich, und nickte zu ihm herüber.
Eine typische Werkssirene gab dreimal hintereinander einen quäkenden Summton von sich und im nächsten Augenblick standen Bänder und Maschinen still. Gemeinsam mit den anderen gingen wir zur Metalltreppe und über den Flur gelangten wir zum Umkleideraum mit den Handwaschbecken. Mit uns kamen sechs weitere Männer, die anderen verschwanden in ähnlichen Räumlichkeiten. Mein erster Arbeitstag war vorbei, jetzt fing für die neue Mannschaft die Spätschicht an.
„Wir malochen in zwei Schichten, damit die Maschinen besser ausgelastet sind“, erklärte Wolfi, während er seine Hände und Arme abschrubbte, „besser, Du behältst den Kittel an. Und steck die Hose in die Stiefel. Wir werden durch eine Menge Blut waten.“ Der Arbeitsplatz mit den Kartons lag logischerweise am Ende der „Verarbeitung“. So folgte ich Wolfi durch unsere Arbeitshalle in die davor gelegene.
Hier waren die Fleischbrocken größer, Männer und vor allem auch Frauen mit langen Messern zerteilten mit rasender Geschwindigkeit die massigen Klumpen. Sie zogen das Fleisch vom Band, sensten daran herum, warfen die Abfälle beiseite und schmissen die so gestutzten Stücke wieder auf das Transportband zurück. Mindestens zehn, zwölf Leute standen nebeneinander und verrichteten alle den gleichen Job. Messer blitzten auf, keiner lächelte oder unterhielt sich, dafür war keine Zeit.
Wir gingen weiter und der Gestank – kaum zu glauben – nahm noch zu. Es war eine Mischung aus Gülle und toten Tieren. An der Decke hingen Rinderhälften an Metallschienen, wie man sie sonst von Fenstergardinen her kennt, nur größer. Die schweren Halbkörper baumelten auf ihrer gleitenden Fahrt hin und her, die Männer mussten aufpassen, damit sie nicht von einer solch geballten Ladung getroffen und umgehauen wurden. Auf dem glitschigen Boden voller Blut bestimmt kein Spaß. Mit ihren Haken packten sie das Fleisch und mit ihren Messern zerteilten sie es, schnell und schnörkellos. Ich stellte mir vor, dass sie auf diese Art und Weise jedes Lebewesen im Handumdrehen in kleine Portionen zerlegen konnten. Noch eine Halle weiter war es soweit: Wir betraten die eigentliche Schlachthalle, hier wurden täglich bis zu 200 Tiere pro Stunde umgebracht, ausnahmslos Rinder. Ein Arbeiter war damit beschäftigt, mit einer Motorsäge eine Kuh in zwei Hälften zu zerteilen. Was für ein Job? Was erzählt er wohl abends seiner Frau und seinen Kindern? „Papa hat heute wieder ein paar hundert Kühe zersägt.“ Ich bin bestimmt kein Weichei aber mir wurde leicht übel. Die Luft in diesem Raum war durch die Körpertemperatur der gerade getöteten Tiere heiß und drückend.
Der Betonboden färbte sich rot, obwohl die Flüssigkeit über Rinnen in Tanks unter uns abfloss. Weil das anscheinend nicht schnell genug passierte, standen wir bis zu den Knöcheln im Blut. Die Organe der Tiere wurden hier separat gesammelt. Nieren, Zungen, Hirne - alles zur Weiterverwertung freigegeben. Von hier aus war jetzt der Anfang dieser letzten Wegstrecke für die Tiere zu sehen und zu hören. Der Schlachter und der Mann mit dem Betäubungsgewehr. „Was ist das für ein Geschrei?“, wollte ich von Wolfi wissen, „die Viecher sind doch tot.“ „Hier schon, das kommt von nebenan.“
In der ersten Halle stand ein Rind neben dem anderen. Sie drängelten und muhten, bis sie eine kleine Rampe hinaufgeführt wurden. Damit sollte ihnen suggeriert werden, es gebe einen weiteren Transport. In Wirklichkeit wartete direkt dahinter das Bolzenschussgerät. Um ihr Hinterbein wurde eine Kette befestigt und nach dem „blob“ mit dem Druckluftbolzen sackten sie bewusstlos zusammen.
Mit einem Schwung ging es am Hinterbein am Haken hängend in die Höhe. Dann kam der Schlachter und stach ihnen die Halsschlagader durch. Einfach so, zack und fertig. Eben noch eine gesunde Kuh oder ein gesunder Stier, jetzt mausetot. Bei 200 Tieren in der Stunde löschte er also mehr als dreimal pro Minute ein Leben aus. Auch er konnte sicher seinen Lieben zu Hause am Abend prima Geschichten von der Arbeit erzählen.
Wir waren am Anfang, eigentlich am Ende. „Ich glaube, morgen komme ich nicht mehr“, sagte ich zu Wolfi, „für die nächste Zeit habe ich genug gesehen.“ Wir gingen nach draußen und ich bestand darauf, die Strecke zurück um das Gebäude herum zu nehmen. Auf meinem Heimweg musste ich an meine Kindheit denken.
Neben unserem Haus war ein kleiner Stall. Dort lebte Jolante. So jedenfalls nannte mein Opa das Schwein. Alle zwei Jahre kam der Schlachter und Jolante hing dann zweigeteilt an einer Leiter im Keller. Eine Hausschlachtung auf dem Land mag für die Tiere stressfreier gewesen sein. Wer sie als Kind hautnah miterlebt hatte, für den gab es keinen Unterschied zu den großen Schlachthöfen. Ich verstand nie, warum der borstige Spielkamerad auf einmal zerteilt und ausgeblutet an einer Leiter an der Wand stand. Tot ist eben tot, egal ob im hauseigenen Keller neben dem dampfenden Kessel oder im anonymen Schlachthof.

© Harry Haller