Nationalpark

Es war irgendwo mitten in den Vereinigten Staaten von Amerika, der Weg zu beiden Küsten war in etwa gleich weit. Der Ort Rapid City war für mich bis dahin ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dieser Teil von South Dakota war altes Sioux-Land. Eigentlich war die Landschaft ganz nett und die Leute freundlich. Diese Einschätzung änderte sich nach einem Besuch im Badlands-Nationalpark deutlich.
Alles hatte ganz harmlos begonnen. Auf der Suche nach einer Geschichte hatte ich mir meine Kamera geschnappt und war zum Park gefahren. Ich machte ein paar Aufnahmen von der Gegend, von ein paar Tieren und von ein paar Besuchern. Die typische Westernkulisse im Hintergrund. Schließlich kam ich an ein kleines Holzhaus, es musste das der Parkwärter sein. Als Motiv auch sehr schön.
Doch in diesem Häuschen saß eine Frau, die meine fotografischen Ambitionen nicht sehr schätzte. „Stop it“, sagte sie in harschem Ton. In meinem journalistischen Eifer konnten mich diese Worte selbstverständlich nicht aufhalten. Sie äußerste sich weiterhin lautstark, nur zu einem geringen Teil konnte ich verstehen, was sie von sich gab. Ich bekam aber so viel mit, dass sie drohte, die Polizei zu holen, falls ich nicht auf der Stelle verschwände. Auch diese Drohung ließ mich kalt. Sollte sie doch die Bullen rufen, denen könnte ich schon was erzählen, über die Freiheit der Presse und meine persönliche in einem freien Land mit unbegrenzten Möglichkeiten.
Es dauerte nicht lange und ein Polizeiwagen kam angerauscht. Die Frau sprach kurz mit den beiden Uniformierten und dann kamen sie auf mich zu. Ich erklärte mit wenigen Worten die Sache aus meiner Sicht. Trotzdem musste ich ihnen in ihren Wagen folgen und wir fuhren zum nächstgelegenen Ort, der Well (ganz gut) oder Wall (vielleicht nicht so gut) oder so ähnlich hieß, zum Polizeirevier.
Hier wurde ich nur kurz festgehalten. Jeder regelmäßige Fernsehgucker weiß aus allen amerikanischen Anwaltsserien, dass der Verdächtige einen Anruf tätigen darf. Ich rief die deutsche Botschaft an, die Nummer wurde mir sogar rausgesucht. Aber der Botschaftstyp war die Härte. Für meine Situation hatte er telefonisch nichts übrig, sein müdes Lächeln konnte ich praktisch vor mir sehen. „Mann, wir haben hier Leute in der death-row“, sagte er zu meinem Problem, warum rufen Sie überhaupt an?“ Ich bekam einen mittleren Tobsuchtsanfall und schrie ihn zusammen, doch es änderte nichts. Deutschland interessierte sich nicht mehr für mich.
Nach kurzer Zeit kamen zwei Männer, die mich abholten. Vor ihrer Ankunft hatte ich noch gedacht, die ganze Angelegenheit ließe sich dann schnell aufklären, aber als ich sie sah, wußte ich, das es länger dauern würde. Die zwei Typen waren FBI-Beamte, wie ich sie als Klischee aus schlechten Filmen kannte. Kerle wie Schränke, zwei Meter groß und einen Meter breit.
Mit ihnen fuhr ich zum Staatsgefängnis, weil der Nationalpark eine Bundesangelegenheit und ich jetzt ein großer Verbrecher war. Angeblich hatte ich die Frau angegriffen und nationales Eigentum vorsätzlich..... ja, was eigentlich? Missachtet? Ich hatte nichts beschädigt oder entwendet, der Frau war ich nicht näher als 20 Meter gekommen, meine einzige „Waffe“ war keine Pistole, Gewehr oder Messer, sondern meine Kamera mit 120mm Objektiv.
Personen in Uniform als quasi Nicht-Individuen dürfen in Deutschland jederzeit fotografiert werden. Im Land der großen Freiheit schien das anders zu sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch die Hoffnung, die ganze Angelegenheit würde sich schnell als Missverständnis entpuppen und aufklären.
Am Gefängnis angekommen kamen wir zu einem riesigen Tor. Davor standen einige Typen, von denen mir einer eine Karte zusteckte. Neben dem bewachten Eingang waren hohe Türme mit Männern mit Gewehren im Anschlag. Das hier war bestimmt so etwas wie ein Hochsicherheitstrakt. Doch ich würde gleich mit dem Gefängnisdirektor ein joviales Gespräch unter Männern führen und dann, nachdem wir beide viel gelacht und einen harten Drink genommen hätten, dürfte ich mit Geleitschutz wieder zu meinem Hotel gebracht werden.
Im Gebäude angelangt kam ich nicht ins Chefzimmer, sondern zunächst in einen großen, halbdunklen Raum. Acht bis zehn uniformierte Mitarbeiter waren mit ihrem Routinejob beschäftigt. Hier wurden die Neuankömmlinge erkennungsdienstlich erfaßt. Das heißt Fingerabdrücke wurden abgenommen, tolle Fotos von vorne und beiden Seiten gemacht. Mit einer Tafel samt Nummer darunter (übrigens muss man das Schild selber festhalten). Dann musste ich mich ausziehen, den Inhalt der Taschen legte ich in eine kleine Plastikwanne, meine Kleidungsstücke fein säuberlich zusammengelegt kamen zu den anderen persönlichen Gegenständen.
Danach ging’s ab zum Duschen. Der Staat Süd-Dakota legt viel Wert auf saubere Gefangene, deshalb war die Reinigung besonders gründlich. Als Abschluß und Zugabe gab es noch einen Blick in den Allerwertesten. Sie fanden nichts. Was ebenso unangenehm wurde war das Anziehen der Anstaltskleidung. Ein orange-farbenes Büßerhemd mit dazu passender Hose im Unilook.
Bei den niederländischen Fußballanhängern hätte man mit diesem Outfit ganz weit vorne gelegen, in diesem Knast leider nicht. Jeder scheiß-kleine Dealer hatte so ein Ding an. Zum Glück auch die richtig schweren Jungs und eben ich.
Vorher durfte ich im Besucherraum noch den Rechtsanwalt treffen. Er versuchte mir in einfachen Worten zu erklären, was ich falsch gemacht hatte. „Nothing“, erwiderte ich bockig, was wollen die überhaupt von mir. Endlich erfuhr ich, worum es eigentlich ging. Die komische Nationalpark-Tussi hatte behauptet, ich hätte sie körperlich bedroht und angegriffen. In ihrer Notlage konnte sie nur die Polizei rufen, um größeren Schaden abzuwenden. Sie war in Todesangst. Warum ich oder meine Kamera sie darin versetzt hatten, kann ich und wahrscheinlich auch sie bis heute nicht sagen.
„Am besten, du plädierst auf ,schuldig‘“, hatte mein Anwalt gemeint. Mit diesem Gedanken konnte ich mich nicht anfreunden, schließlich hatte ich nichts Unrechtes getan. Nach einem schnellen Gespräch mit ihm verfrachteten sie mich in eine Einzelzelle, keine Puerto-Ricaner, keine Schwarzen, nur ich. Das Bett war hart und der Zimmerservice Scheiße, aber ich hatte wenigstens meine Ruhe.
Am nächsten Morgen wurde ich um sechs Uhr geweckt, nicht unbedingt meine Zeit im Urlaub auf Fotosafari.
Zum Gericht mit – hier würde man sagen – „Grüner Minna“. Außer mir noch 12 weitere Häftlinge, was immer sie verbrochen hatten. Vor dem Abtransport wurden wir fluchtunfähig gemacht, das heißt wir bekamen eine Kette um jedes Handgelenk, die mit einer weiteren kleinen Kette verbunden war. Diese wiederum hatte in der Mitte eine längere Kette bis zum Boden, wo die Füße wie die Hände miteinander verbunden waren. Dort war in der Mitte der Verbindungskette der Anschluß nach oben. Dieses ausgeklügelte Fesselsystem hatte zur Folge, dass man beim Gehen höchstens Schritte wie eine japanische Geisha machen konnte. So schlurften die zwölf anderen Jungs und ich zum Auto.
Vor dem Gerichtsgebäude rausgelassen schoben wir uns im gleichen Stil weiter. Es hörte sich an wie die Gespenster-Parade in einem schottischen Schloß, als wir uns langsam in Richtung Gerichtssaal bewegten.
Gott sei Dank war der Anwalt aufgekreuzt und netterweise durfte mein Fall als erster verhandelt werden. Der Rechtsverdreher hatte mich beschworen, ich solle mich schuldig bekennen, dann sei die Sache schnell aus der Welt. Ich fühlte mich aber nicht schuldig. Er hatte gemeint, bei „schuldig“ bekäme ich die Strafe für eine Ordnungswidrigkeit und die läge zwischen 100 und 200 Dollar. Bei „nicht schuldig“ würde die Verhandlung vor ein Geschworenengericht gehen. Das dauere drei bis vier Monate (U-Haft). Auf vorzeitige Entlassung könne ich nicht hoffen, denn die Höhe der Kaution liege durchschnittlich bei 250.000 Dollar.
Ich plädierte auf „schuldig“. Erfreulicherweise kannte der Anwalt sich mit dem Recht aus und ich musste nur schlappe 120 Dollar Strafe zahlen. Sein Honorar von in etwa gleicher Höhe kam nochmals hinzu und so war ich aus der Nummer raus. Alle behandelten mich wieder wie einen Gentleman und ich durfte weiter in den USA herumfahren, Fotos machen und schreiben. Was war eigentlich los.

© Harry Haller