Zicke

Zu alt, zu dick, zu arm – und schnarcht. Deshalb selten Sex, oft Nörgeleien und vor allem keine Liebe. Da kann Mann sich schon mal fragen: „Welche Art von Beziehung läuft hier eigentlich?“
Das fragte auch ich mich. Nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine verknüpfte Zukunft. Essen, Kino, Museum – vielleicht. Aber nur, wenn es die momentane Laune zuließ. Gemeinsame Wohnung oder gar noch mehr – wohl eher nicht.
Das Ganze wird heute unter „Lebensabschnittspartner“ verbucht. Mal dauert es nur eine Nacht, ein anderes Mal ein paar Wochen, manchmal auch einige Jahre. Aber meistens ist irgendwann Schluss. Doch welchen Partner suchen wir wirklich? Ist sie jünger oder er knackiger als die bzw. der Ex? Sieht sie besser aus und hat er mehr Geld? Ähnelt er meinem Vater und kann sie besser kochen als Mama?
Seit der Pubertät rennen wir auf der Partnersuche unserem Idealbild hinterher. Nur die Wenigsten werden schnell fündig. Alle anderen laufen immer weiter. Beziehungen, kurze oder längere Affären, One-Night-Stands. Bis 30, 40, die biologische Uhr tickt, Panik, Resignation, hoffentlich Entspannung. 50, 60, die Erwartungen und Ansprüche müssen nach unten korrigiert werden, Frust. 70, 80 – die meisten außer Hugh Hefner geben auf. Die Konzentration gilt ab sofort anderen Dingen.
Was Laura brauchte, war kein Freund. Auch wenn sie mich maximal als „Lebensabschnittspartner“ bezeichnet hätte. Die Liste ihrer Ex-Männer war so lang wie die Gelben Seiten des Telefonbuchs, wie sie häufiger mit Stolz betonte. Als ich sie bei einer Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Bekannten kennen lernte, hatte ich mich zunächst gefragt, warum eine so attraktive Blondine Ende 30 ohne festen Partner war. Das wurde mir ziemlich schnell klar.
Sie war eine Zicke, deren Ansprüche mit ihrem wirklichen Leben nicht zusammen passten. Laura arbeitete als Filialleiterin in einer kleinen Modeboutique, Nettoeinkommen um die 1300 Euro. Ihr zukünftiger Mann sollte ihr den Lebensstandard bieten, der ihr ihrer Meinung nach zustand. Sie kaufte Markenklamotten, Designermöbel, zweimal im Jahr Urlaub, vorzugsweise Karibik. Nicht mit dem Billigflieger in die Dom Rep, sondern Guadeloupe.
Nun kann man feststellen, dass diese Art von Frauen kein Einzelfall sind. Viele junge Mädchen sind auf der Suche nach dem reichen Traumprinzen mit Ferrari und Motoryacht. Die Betonung liegt auf „junge Mädchen“. Mit knapp 40 war für Laura dieser Zug abgefahren.
Warum es früher nie geklappt hatte lag ganz bestimmt an ihrem Rumgezicke. Dass sie meine Liebe nicht erwidern konnte, war nach Lauras Ansicht auf meine „körperliche Unattraktivität“ zurück zu führen. Ich vermutete es waren meine eher bescheidenen Finanzen. Ein gemeinsamer Urlaub war aus ihrer Sicht „schön“, doch das lag nicht an unserer trauten Zweisamkeit. Sie schwärmte von der tollen Insel, dem wolkenlosen Himmel, dem kilometerlangen, weißen Sandstrand und dem türkisblauen Meer. Sie hätte auch alleine, mit ihren Eltern, dem Nachbarsjungen oder irgendeiner Zufallsbekanntschaft verreisen können. Das Beiwerk war austauschbar, genauso wie ich. Eben Eintrag Nummer 314 in den Gelben Seiten.
Okay, keine Liebe, das passiert häufiger. Wenigstens sollte es aber dafür ausreichen, respektiert zu werden. Eigentlich brauchte Laura jedoch keinen Partner, ein Hund hätte besser gepasst. Gelegentliche Streicheleinheiten auf dem Sofa, Betonung auf gelegentlich, mussten ausreichen.
Ich war diese Art von Behandlung nicht gewöhnt, ich brauchte sie aber auch nicht. Lauras Palette reichte von „zieh dir was anderes an“ über „du willst doch nicht schon wieder eine rauchen“ bis „lenk das Auto doch nicht immer nur mit einer Hand“. Ein echter Höhepunkt war erreicht, als sie eines Morgens – ich war schon früher aufgestanden – wie eine Furie aus dem Schlafzimmer stürmte und mit Beschimpfungen über mein lautes Verhalten los donnerte, das ihr den Schlaf raubte. Dabei hatte ich auf Zehenspitzen keinen Mucks von mir gegeben. Der Lärm stammte von dem Autoradio eines auf der anderen Straßenseite parkenden Handwerkers.
Beim Einkauf im Supermarkt wurden neben diversen Lebensmitteln auch zwei Flaschen Rotwein gekauft. Wer zahlte – natürlich ich. Später Zuhause goss ich mir aus der halbvollen Flasche ein Gläschen ein, als es hieß: „Das muss doch nicht sein, du kannst doch auch Bier trinken.“
Wir saßen im Restaurant, hatten gegessen, die Rechnung. Laura: „Kannst du bitte bezahlen, ich war noch nicht am Geldautomaten. Gebe ich dir später wieder.“ Das passierte selbstverständlich nie.
Selbst wenn etwas falsch gemacht wurde, gibt es riesige Unterschiede: Sie vergaß morgens um 8 Uhr, den Leihwagen zurück zu bringen. Reaktion: „Hihi, habe ich gar nicht daran gedacht.“ Ich ging in den Supermarkt und brachte anstatt Zucchini eine Avocado mit, und der Weltuntergang stand kurz bevor. So blöd könne ja nur ein Mann und speziell ich sein.
Gut waren auch die Nächte. Sex gab es sporadisch bis gar nicht (siehe „mangelnde Attraktivität“). Ich hatte meistens den Eindruck einer halben Vergewaltigung, wenn ich etwas von ihr wollte. Gleichgültigkeit war noch das Beste, was ich erwarten konnte. „Was macht deine Hand da? Es kitzelt. Ich bin müde!“ Und das, obwohl sie letzte Nacht zehn Stunden geschlafen und noch einen zweistündigen Mittagsschlaf nachgelegt hatte.
Dafür gab es nachts im Stundentakt Anfeindungen wie „schnarch nicht“. Wenn man das lange genug erträgt, kann diese Sorte Frau dich echt einmachen. Am Anfang glaubst du noch, du kannst damit umgehen. Nach einiger Zeit stehst du kurz vor der Impotenz. Auf Dauer schafft frau es so, deine Zuneigung wirklich zu killen.
Was ich mich immer gefragt hatte: „Was wollte sie eigentlich von mir? Sie liebte mich nicht, sie wollte keinen Sex, am liebsten einen neuen Job in einer anderen Stadt, ein anderes Leben im Süden. Warum waren wir überhaupt zusammen? Ob sie ihre unzähligen früheren Liebhaber mit derselben Austauschbarkeit und Ignoranz behandelt hatte? Wahrscheinlich ja.
Sie war intelligent genug, um zu wissen, dass ihre ablehnende Art mir gegenüber früher oder später zum Aus führen musste. Das war ihr aber vollkommen gleichgültig. Sie empfand nichts, ich war sowieso austauschbar, irgendwann. Ja, sie rechnete sogar offen damit, wollte es vielleicht dadurch provozieren, nach dem Motto: „Ach, ich dachte, du willst jetzt nicht mehr gemeinsam in Urlaub fahren.“
Tja, so wurde auch unsere Beziehung nicht mehr als eine Affäre. Eben Eintrag Nummer 314 für Lauras „Gelbe Seiten“. Nummer 315 ließ nicht lange auf sich warten.

© Harry Haller